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IRIS 2018-9:1/19

Vereinigtes Königreich

Ofcom-Beschluss: Verdeckter Bericht in einer Einrichtung für jugendliche Straftäter verletzt Privatsphäre

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Julian Wilkins

Smithfields Partners Ltd

Die BBC hat gegen Regel 1.28 des Verhaltenskodexes der Ofcom verstoßen, indem sie verdeckt gedrehte Aufnahmen mit Nennung des tatsächlichen Namens eines Minderjährigen in einer Ausgabe ihrer aktuellen Reportagesendung Panorama ausstrahlte. Der BBC wurde jedoch nicht vorgeworfen, keine unmittelbaren Gegenmaßnahmen getroffen zu haben, da offensichtlich niemand einem unmittelbaren Risiko erheblichen Schadens ausgesetzt war.

Im Januar 2016 untersuchte die BBC-Sendung Panorama Beweise Jugendlicher im Medway Secure Training Centre (MSTC), das zu jener Zeit vom privaten Sicherheitsunternehmen G4S betrieben wurden, dass sie mutmaßlich von G4S-Mitarbeitern misshandelt, gemobbt und verletzt wurden. Die Sendung beinhaltete Material, welches verdeckt von einem BBC-Reporter gefilmt worden war, der sich als Mitglied der MSTC-Belegschaft von G4S ausgegeben hatte.

Die Folge sollte am 18. Januar 2016 ausgestrahlt werden, die Übertragung wurde jedoch auf den 11. Januar 2016 vorgezogen, da G4S am 8. Januar 2016 eine Pressemitteilung herausgab, in der sie erklärte, sie habe eine Reihe schwerwiegender Anschuldigungen zu unangemessenem Verhalten von Mitarbeitern bei MSTC an die zuständigen Ermittlungsbehörden weitergeleitet. Die BBC war jedoch der Auffassung, die Pressemitteilung sowie die nachfolgenden Erklärungen von G4S hätten nicht dargelegt, dass die Maßnahme des Sicherheitsunternehmens eine unmittelbare Reaktion auf die von Panorama zusammengetragenen Beweise gewesen sei. Folglich war die BBC der Ansicht, es gebe eine redaktionelle Begründung für die möglichst rasche öffentliche Ausstrahlung der Beweise für das Fehlverhalten der G4S-Mitarbeiter, und zog sie auf den 11. Januar vor.

Ein BBC-Reporter hatte von Anfang Oktober bis Dezember 2015 verdeckt gefilmt. Das Material zeigte unter anderem zwei Jugendliche, einen 14-Jährigen mit dem Namen „Billy“ und den 16 Jahre alten Jungen „Lee“. In der Sendung waren ihre Gesichter unkenntlich, nicht jedoch ihre Stimmen; im Fall von Billy wurde sein richtiger Name an drei Stellen genannt.

Das Filmmaterial wurde täglich vom Produzenten der Sendung oder seinem Stellvertreter geprüft. Die BBC ließ sich von einem international anerkannten Fachmann für den Umgang mit verhaltensauffälligen jungen Menschen sowie einem Spezialisten für Kinderschutz beraten. Beide Fachleute waren der Auffassung, weder Billy noch Lee sei einem unmittelbaren Risiko erheblichen Schadens ausgesetzt und es bestehe für die BBC kein Anlass für irgendwelche „vorbeugenden Maßnahmen“.

Im Dezember sprach die BBC mit den für Billy und Lee verantwortlichen örtlichen Behörden. Es gab mindestens drei Gespräche über Billy mit dem verantwortlichen Leiter der Jugendbehörde, um Schritte zum Schutz der physischen und seelischen Bedürfnisse von Billy zu erörtern. Die BBC stimmte zu, Billys Gesicht unscharf darzustellen und ein Pseudonym zu benutzen. Es wurde für unnötig erachtet, Billys Stimme zu verzerren, da dies die Schwere der gefilmten Ereignisse möglicherweise falsch dargestellt hätte.

In Lees Fall kontaktierte die BBC die zuständige örtliche Behörde mehrfach in Bezug auf seine Teilnahme. Dem Rundfunkveranstalter waren jedoch bis nach der Ausstrahlung am 11. Januar 2016 keine Bedenken bekannt.

Während der Sendung am 11. Januar 2016 wurde Billys richtiger Name genannt. Die BBC erklärte, es sei ein Fehler gewesen, der durch das hastige Vorziehen der Ausstrahlung vom 18. Januar geschehen sei; dies habe dazu geführt, dass der Fehler nicht aufgefallen sei. Unmittelbar nach Erkennen des Fehlers redigierte die BBC weitere Versionen für die Ausstrahlung, zum Beispiel in ihrem Dienst „iPlayer“. Die BBC kontaktierte die örtliche Behörde und ebenso Billys Mutter. Sie bestätigte, soweit sie wisse, „wurde ihr Sohn nicht von irgendjemandem identifiziert, der ihn nicht ohnehin bereits gekannt hätte“.

Die zuständige örtliche Behörde zeigte sich besorgt, dass Lee aufgrund des Filmmaterials erkannt werden könnte, was ihm als schutzbedürftigem jungem Menschen Schaden zufügen könnte.

Die Ofcom musste entscheiden, ob ein Verstoß gegen Regel 1.28 des Kodexes vorlag: „Das physische und seelische Wohlergehen und die Würde von Personen unter achtzehn Jahren, die in Sendungen auftreten oder anderweitig darin involviert sind, sind mit gebotener Sorgfalt zu behandeln. Dies gilt unabhängig von irgendeiner Zustimmung seitens des Teilnehmers oder eines Elternteils, eines Vormunds oder einer sonstigen Person über achtzehn Jahren, die an Eltern statt handelt.“

Die Ofcom stellte fest, es habe keinen Verstoß in Bezug auf Billy oder Lee während des Filmens gegeben, da der Rundfunkveranstalter ausreichende Schritte unternommen habe, die gefilmten Inhalte zu überwachen um festzulegen, ob die BBC unmittelbar eingreifen und das Verhalten gegenüber den jugendlichen Straftätern melden sollte. Die BBC habe keinen Verstoß verübt, als sie bis Dezember 2015 wartete, bevor sie die zuständigen Behörden informierte, da weder Lee noch Billy einem unmittelbaren Risiko erheblichen Schadens ausgesetzt gewesen sei. Die BBC sei schuldig, da sie Billys richtigen Namen preisgegeben habe, wenngleich die Ofcom den Zeitdruck berücksichtigte. Im Übrigen wurden die Schritte, Billys und Lees Identität unkenntlich zu machen, als ausreichend betrachtet, und es wurde als unnötig angesehen, ihre Stimmen zu verzerren. Es wurde als im öffentliche Interesse erachtet, das Filmmaterial auszustrahlen.

Referenzen
Ofcom Broadcast and On Demand Bulletin, Issue number 359, ‘Panorama, BBC1’, 6 August 2018 EN
 http://merlin.obs.coe.int/redirect.php?id=19250
 
  Ofcom Broadcast and On Demand Bulletin, Ausgabe Nr. 359, ‘Panorama, BBC1’, 6. August 2018