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IRIS 2018-4:1/28

Irland

Behörde zieht Beschwerde gegen die Kommentare eines Radiomoderators zu sexuellen Übergriffen nicht zurück

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Ingrid Cunningham

School of Law, National University of Ireland, Galway

Am 6. Februar 2018 hat die Broadcasting Authority of Ireland (BAI) (die irische Medienaufsichtsbehörde) ihre Beschwerde gegen die Kommentare bestätigt, die ein

Radiomoderator in einer Sendung vom 8. September 2017 zu einem sexuellen Übergriff auf eine Frau im Vereinigten Königreich und der Frage nach der Verantwortung gemacht hatte. Dabei ging es um die Sendung „High Noon”, eine Radiosendung mit aktuellen Nachrichten und Interviews, die jeden Tag um die Mittagszeit von dem kommerziellen Sender Newstalk 106-108FM ausgestrahlt wird. Die Beschwerde bezog sich auf § 48(1)(b) (Schaden und Straftat) des Rundfunkgesetzes 2009 und den  BAI Code of Programme Standards (vor allem Grundsatz 2 über die „Bedeutung des Kontextes”). Konkret handelt es sich um den Kommentar des Moderators der Sendung George Hook  zu einem Bericht über ein Gerichtsverfahren im Vereinigten Königreich, bei dem es um eine Vergewaltigung ging. Das Gericht hatte festgestellt, dass die Frau dem Mann, den sie kurz vorher in einer Bar kennengelernt hatte, bereitwillig in ein Hotelzimmer gefolgt war, und dass sie dort von einem anderen Mann, der sich ebenfalls in dem Hotelzimmer befand, vergewaltigt wurde. Der Moderator bezeichnete die Vergewaltigung als „schrecklich“ und erklärte unter anderem: „Aber wenn man sich etwas näher mit dem Vorfall befasst, dann muss man sich doch fragen: Warum geht eine junge Frau, die kurze Zeit vorher einen Mann in einer Bar kennengelernt hat, mit ihm in ein Hotelzimmer? Sie hat ihn doch gerade erst kennengelernt … und ist dann überrascht, wenn jemand anderes in das Zimmer kommt und sie vergewaltigt.“ „Ist die Person, die sich selbst so in Gefahr gebracht hat, nicht auch selbst schuld?”  

Die Beschwerdeführerin argumentierte, dass „der Moderator kein Recht hatte, das Opfer eines sexuellen Übergriffs für die Tatsache verantwortlich zu machen, dass sie vergewaltigt worden war” und dass dies „erniedrigend und eine Beleidigung“ sei. Die Beschwerdeführerin kritisierte auch, dass der Sender Newstalk sich erst „24 Stunden später“ für den Kommentar entschuldigt habe. Der Sender erklärte, dass der Moderator und Newstalk am Tag nach der Sendung eine Entschuldigung veröffentlicht hatten. Zwei Tage später entschuldigte sich der Moderator noch einmal in ausführlicherer Form. Am 22. September 2017 erklärte Newstalk nach einer internen Untersuchung, dass George Hook die Sendung in Zukunft nicht mehr moderieren werde.

Bei der Bewertung der Beschwerde stellte das BAI Compliance Committee fest, dass „Rundfunksender verpflichtet sind, den Erwartungen ihrer Zuhörer und Zuschauer Rechnung zu tragen und dass sie in Livesendungen rechtzeitig reagieren müssen, wenn Live-Inhalte eine Straftat darstellen.“ Der Ausschuss stellte auch fest, dass Rundfunksender gerade bei heiklen Inhalten besondere Sorgfalt walten lassen müssen, also etwa in Bezug auf sexuelle Gewalt. Unter Berücksichtigung dieser Verpflichtungen stellte der Ausschuss fest, dass die Sendung  High Noon und der gelegentlich provozierende Stil des Moderators von den Zuhörern sehr wohl verstanden werden. Der Ausschuss erkannte auch an, dass es in Rundfunksendungen zulässig ist, die Frage nach der persönlichen Verantwortung zu stellen, wenn über Verbrechen und kriminelles Verhalten berichtet wird. Allerdings fand der Ausschuss, dass „dieses Thema in der Sendung im Zusammenhang mit einem noch nicht abgeschlossenen Gerichtsverfahren über eine Vergewaltigung behandelt wurde, und dass die Frage der persönlichen Verantwortung von dem Moderator als „die eigentliche Frage in diesem Fall” bezeichnet wurde. Der Ausschuss fand, „dass die Art und Weise und die Tatsache, dass die persönliche Verantwortung im Zusammenhang mit einem mutmaßlichen Fall von Vergewaltigung  gestellt wurde, zu einer Straftat führe und dass es sehr wohl möglich sei, dass Zuhörer, die sich persönlich mit diesem Thema identifizieren, sich davon besonders betroffen fühlen.“ Der Ausschuss räumte ein, dass der Sender „im Nachhinein versucht habe, das Ganze richtigzustellen und „die Substanz und Gültigkeit der Beschwerde anerkannt habe.” Er hob auch hervor, dass „der Moderator ausdrücklich darauf hingewiesen habe, dass er eine Vergewaltigung keineswegs billige“. Trotzdem war der Ausschuss der Auffassung, dass der Sender stärker darauf achten müsse, Straftaten und Schaden zu vermeiden. Außerdem müsse er schneller reagieren, wenn Sendungsinhalte eine Straftat darstellen.

Referenzen
Broadcasting Authority of Ireland, Broadcasting Complaint Decisions, 6 February 2018, p. 30 EN
 http://merlin.obs.coe.int/redirect.php?id=18978
 
  Irische Rundfunkaufsichtsbehörde, Entscheidungen über Beschwerden, 6. Februar 2018, S. 30