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IRIS 2018-2:1/18

Frankreich

Der CSA als Anwalt für die Rechte der Frauen

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Amélie Blocman

Légipresse

Der Conseil supérieur de l’audiovisuel (Rundfunkaufsichtsbehörde - CSA) kontrolliert nachdrücklich die Art und Weise, wie Frauen in den audiovisuellen Medien behandelt werden. Auf seiner letzten Vollversammlung vom 20. Dezember 2017 verhängte die Regulierungsbehörde eine Rekordstrafe in Höhe von einer Million Euro gegen den Radiosender NRJ und verwarnte den öffentlich-rechtlichen Rundfunkveranstalter France Télévisions dahingehend, seinen Verpflichtungen mit Blick auf die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen nachzukommen. Grund für die Geldbuße gegen NRJ war ein Telefonstreich, den NRJ am 9. Dezember 2016 in der Radiosendung C‘Cauet ausgestrahlt hatte und in dem die Autoren des Streichs demütigende Kommentare über das Aussehen einer Frau, Opfer des Telefonstreichs, gemacht und sich in beleidigender und herabwürdigender Weise über ihr Privatleben geäußert hatten. In besagter Sendung rief eine Zuhörerin ihre Schwägerin an und erklärte ihr, sie habe sexuelle Beziehungen zu deren Ehemann unterhalten. Dabei bezeichnete sie ihre Schwägerin als „fette Sau“. Der Radiosender war bereits Ende 2016 wegen „schwerwiegender Verstöße“ gegen die Achtung des Bildes der Frauen und gegen den Schutz von Kindern in früheren Beiträgen der gleichen Sendung verwarnt worden. Im Sommer 2017 war der Moderator der Sendung entlassen worden.

Der CSA vertrat zum einen die Auffassung, die Äußerungen stellten einen schweren Verstoß gegen die Bestimmungen von Artikel 3-1 des Gesetzes vom 30. September 1986 dar. Dort heißt es, dass der CSA „die Achtung der Rechte von Frauen im Bereich der audiovisuellen Kommunikation gewährleistet. Der CSA sorgt in diesem Rahmen (…) für den Schutz des in den Sendungen gezeichneten Bildes der Frauen, insbesondere durch Bekämpfung von Stereotypen, sexistischen Vorurteilen, herabwürdigenden Szenen, Gewalt gegen Frauen und Gewalt in der Ehe. In diesem Zusammenhang widmet der CSA den Programmen der audiovisuellen Kommunikationsdienste, die sich an Kinder und Jugendliche wenden, besondere Aufmerksamkeit.“ Zum anderen befand der CSA, angesichts der Tatsache, dass das Opfer des Telefonstreichs öffentlich gedemütigt und in eine eindeutig verletzliche Notlage versetzt worden sei, verstoße die Ausstrahlung dieses Sendebeitrags gegen die Bestimmungen von Artikel 2-6 der Vereinbarung des Radiosenders NRJ vom 2. Oktober 2012. Im Übrigen enthebe weder der angeblich humoristische Charakter des Beitrags noch das Einverständnis des Opfers zur Ausstrahlung des Beitrags den Herausgeber seiner Verantwortung. Die derart sanktionierte Gesellschaft erachtet die Strafe als „ungerecht und völlig unverhältnismäßig“ und kündigte an, beim Staatsrat Berufung einzulegen.

Der CSA sprach ferner eine Verwarnung gegen den öffentlich-rechtlichen Sender France Télévisions aus. Grund hierfür war die Ausstrahlung eines Beitrags in der Late-Night-Show „On n’est pas couché“ (Wir sind nicht eingeschlafen) vom 30. September 2017, im Rahmen dessen die ehemalige grüne Europaabgeordnete Sandrine Rousseau ihr Buch über sexuelle Gewalt gegenüber Frauen vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrung als Opfer solcher Gewalt vorzustellen beabsichtigte. Nachdem sich die Regulierungsbehörde den betreffenden Sendebeitrag angeschaut hatte, befand sie, während Rousseau auf die unzulängliche Betreuung der Opfer sexueller Übergriffe habe aufmerksam machen und Lösungsansätze bieten wollen, wie man besagten Opfern besser helfen könne, hätten die Ko-Moderatoren ausführlich, in sehr heftiger und systematischer Weise und ohne Rücksicht auf die augenscheinliche Verletzlichkeit ihres Gastes den eigentlichen Sinn ihres Vorhabens in Frage gestellt und weder Achtung vor ihren Äußerungen noch ihrem Engagement gezeigt. Insbesondere der Moderator Laurent Ruquier habe sich voreingenommen gezeigt und in seinen Äußerungen mehrmals Partei für die Position der Ko-Moderatoren zu diesem sehr schwierigen und schmerzhaften Thema ergriffen.

Die Gesellschaft France Télévisions habe zudem bewusst eine Sequenz, in der die Ko-Moderatorin Christine Angot das Studio verlassen habe, aus der Sendung herausgeschnitten, gleichzeitig aber die Sequenzen ausgestrahlt, in denen Rousseau angesichts der kritischen Haltung und der Äußerungen der beiden Ko-Moderatoren beinahe in Tränen ausgebrochen sei. Durch diese irreführende Szenenauswahl habe die Gefahr bestanden, dass der Fernsehzuschauer den Diskussionsablauf nicht richtig verstehe.

Der CSA verwarnte folglich France Télévisions wegen Verletzung der Bestimmungen der Artikel 3-1 und 43-11 des Gesetzes vom 30. September 1986, laut denen der öffentlich-rechtliche Sender eine besondere Verantwortung bei der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen trage, sowie wegen Verstoßes gegen Artikel 35 seines Lastenheftes. Die Behörde verwies ferner darauf, dass der nationalen Programmgesellschaft im Rahmen ihres öffentlich-rechtlichen Auftrags Vorbildfunktion im Umgang mit Fragen der Gewalt gegenüber Frauen zukomme. Der Fernsehveranstalter hatte noch in der Woche vor Eingang der Verwarnung die Entlassung des bekannten Moderators Tex angekündigt, nachdem sich dieser in einem sexistischen Witz abwertend über misshandelte Frauen geäußert hatte.

Referenzen
CSA, assemblée plénière, décisions du 20 décembre 2017 FR
 http://merlin.obs.coe.int/redirect.php?id=18919
 
  CSA, Vollversammlung, Beschlüsse vom 20. Dezember 2017