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IRIS 2018-2:1/15

Frankreich

Fernsehfilm verstößt gegen die Urheberrechte an Werken einer in der Résistance aktiven Schriftstellerin

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Amélie Blocman

Légipresse

Am 22. Dezember 2017 hat das Pariser Berufungsgericht ein interessantes Urteil gefällt und klargestellt, unter welchen Voraussetzungen die Fernsehverfilmung eines Schriftwerks als Urheberrechtsverletzung zu werten ist. Im vorliegenden Rechtsstreit hatten die Inhaber der Urheberrechte von Charlotte Delbo, einer zentralen Figur der Résistance (französische Widerstandsbewegung im Zweiten Weltkrieg) und Autorin von sechs Werken, in denen sie ihre Erfahrungen als politische Gefangene im Pariser Gefängnis „Prison de la Santé“, in Auschwitz bzw. im Arbeitskommando in Raisko beschreibt, die Fernsehgesellschaft France Télévisions, eine Produktionsgesellschaft sowie zwei Regisseure wegen Urheberrechtsverletzung verklagt. Sie warfen den Beklagten vor, in einem Drehbuch sowie einem Fernsehfilm mit dem Titel „Rideau Rouge à Raisko” (Roter Vorhang in Raisko) neben zwölf charakteristischen Szenen Beschreibungen von Orten und Gegenständen sowie Ausdrücke und lexikalische Elemente aus den Schriftwerken übernommen zu haben. Der Produzent sowie die beiden Regisseure argumentierten ihrerseits, die strittigen Filmsequenzen bezögen sich auf historische Momente, die Charlotte Delbo erlebt habe, und unterlägen somit nicht dem Urheberrecht. Das erstinstanzliche Gericht wies die Klage auf Urheberrechtsverletzung ab, woraufhin die Rechteinhaber in Berufung gingen.

Das Berufungsgericht weist darauf hin, dass bei literarischen Werken keine Urheberrechtsverletzung vorliegt, wenn eine Idee oder ein Thema übernommen wird, sondern ausschließlich dann, wenn die Ausdrucksweise oder Form, in der eine solche Idee oder ein Thema dargestellt ist, übernommen wird. Dies gilt insbesondere für die Themenzusammenstellung, den Handlungsstrang und die Szenenabfolge sowie für typische Merkmale, die dem Schriftwerk seine eigene Gestalt verleihen. Eine historische Tatsache sei zwar nicht urheberrechtlich geschützt, die einzigartige Erzählweise, in der der Schriftsteller über diese historische Tatsache berichte, hingegen sehr wohl. In besagtem Fall entsprächen die Erfahrungsberichte von Charlotte Delbo aus den Lagern zwar realen Momenten, doch seien diese Erlebnisse in einem ihr eigenen literarischen Stil und einer ihr eigenen Form erzählt, die nicht dem Genre einer Zusammenstellung historischer Fakten oder eines Dokumentarberichts zuzuordnen seien.

Das Gericht erklärte zudem, in einer „Note d’intention“ des Regisseurs (Beschreibung der Filmintention) sowie in einem Schreiben von France Télévisions sei deutlich die Absicht formuliert, eine Fernsehverfilmung der Werke von Charlotte Delbo zu realisieren, sodass die Beklagten nicht behaupten könnten, die Bücher seien nicht die Hauptinspirationsquelle für die Verfilmung des strittigen Drehbuchs gewesen, auch wenn die Drehbuchautoren durchaus Recherchearbeiten zu diesem Thema hätten leisten müssen. Ferner sei festzuhalten, dass der Film zwar lediglich einem Fachpublikum zugänglich gewesen sei, seine Ausstrahlung aber nichtsdestoweniger eine Veröffentlichung darstelle, die für das Drehbuch in gleichem Maße gelte. Zur Beurteilung der Angelegenheit zieht das Berufungsgericht des Weiteren ausdrücklich die Analysetabellen heran, in denen die Szenen der Bücher und die Filmszenen beschrieben und miteinander verglichen werden. Dabei kommt es zu dem Schluss, dass die Deportation von Charlotte Delbo zwar eine historische Tatsache darstellt, die Verfilmung jedoch zahlreiche und wiederholte Ähnlichkeiten aufweist, etwa in Bezug auf die Art und Weise, wie die Werke verfasst sind, wie sich die Themen entwickeln und die Ideen gestaltet sind, aber auch in Bezug auf die Übernahme unverwechselbarer Ausdrucksweisen in den Büchern und des ihnen eigenen Erzählansatzes oder auch mit Blick auf die wortwörtliche Wiedergabe einzelner Stellen aus den Büchern bzw. besonderer Situationen und Metaphern. Diese Übernahmen stellten einen Verstoß gegen die Urheberrechte an den sechs angeführten Büchern dar. Die Ähnlichkeiten bezögen sich somit auf Elemente, für die die Schriftstellerin eigene beschreibende und erzählerische Formen gewählt habe, sodass die Werke mehr als eine schlichte Berichterstattung historischer Fakten seien. Das Argument der Produktionsgesellschaft, es sei lediglich kurz zitiert worden, könne im Übrigen nicht geltend gemacht werden, da wiederholt zitiert worden sei und es sich beim Fernsehfilm und seinem Drehbuch weder um eine Buchkritik noch um Mittel der polemischen Auseinandersetzung oder um Werke mit erzieherischem, wissenschaftlichem oder informativem Auftrag, sondern um einen Spielfilm für die breite Öffentlichkeit handele.

Mit Blick auf den geforderten Schadenersatz wertet das Gericht die Forderung nach einem Verbot des strittigen Drehbuchs als unverhältnismäßig, da nur Teile der Bücher übernommen worden seien. Auch ein Verbot der Kommerzialisierung und Ausstrahlung des Fernsehfilms sei angesichts der Tatsache, dass sich die Klage nicht gegen alle Ko-Autoren richte, nicht durchsetzbar. Da nur Teilelemente der Bücher übernommen worden seien, der Fernsehfilm nur einem begrenzten Fachpublikum gezeigt worden sei und diese eingeschränkte Veröffentlichung des Films somit auch für das Drehbuch gelte, sei die Forderung der Kläger auf eine Pauschalentschädigung in Höhe von EUR 250.000 überzogen. Die Beklagten wurden vielmehr in solidum zu EUR 40.000 Schadenersatzzahlung an die Rechteinhaber verurteilt.

Referenzen
Cour d’appel de Paris (pôle 5, ch. 2), 22 décembre 2017 - Les Editions de Minuit, Y. Riera et a. c/ Native, France Télévisions et a.
  Berufungsgericht von Paris (Abteilung 5, 2. Kammer), 22. Dezember 2017 - Les Editions de Minuit, Y. Riera u. a. gegen Native, France Télévisions u. a.