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IRIS 2017-10:1/20

Vereinigtes Königreich

Berichterstattung von Channel 4 News über den Terroranschlag auf der Westminster-Brücke verstößt gegen den Ofcom-Kodex

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Julian Wilkins

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Der private Fernsehsender Channel 4 News hat nach Auffassung der britischen Medienregulierungsbehörde mit seiner Berichterstattung über den Terroranschlag auf der Westminster-Brücke am 22. März 2017, bei dem fünf Menschen getötet wurden, gegen den Rundfunkkodex der Ofcom verstoßen, weil er die falsche Person als Attentäter identifiziert hat. Channel 4 News wird von der Independent Television News Limited (ITN) produziert. Bestimmung 5.1 des Kodex sieht vor, dass „die Nachrichtenberichterstattung - in welcher Form auch immer - mit der gebührenden Sorgfalt und Objektivität erfolgen muss.“

Simon Israel, bei Channel 4 News verantwortlich für die Berichterstattung über innenpolitische Themen, erklärte in seinem Bericht über den Anschlag, der Name des Attentäters, der nach der Ermordung von fünf Menschen auf dem Gelände des Westminster-Palastes erschossen wurde, sei Abu Izzadeen. Channel 4 News erklärte, der Attentäter sei den Sicherheitskräften bekannt gewesen. Noch während der Sendung meldete sich jedoch der Bruder von Abu Izzadeen bei ITN und erklärte, sein Bruder sei am Leben und sitze derzeit im Gefängnis. Gegen Ende der Nachrichten verkündete Channel 4 News, es gebe Zweifel an der Identität des Attentäters. Anschließend wurde der Bericht aus der zeitversetzten Ausgabe in Four +1 herausgenommen, und mehrere Personen, einschließlich dem Herausgeber von Channel 4 News und Simon Israel, veröffentlichten Tweets, in denen die Behauptung, dass es sich bei dem Attentäter um Abu Izzadeen handle, zurückgenommen wurde.

Die Ofcom räumte ein, dass das Nachrichtenteam von Channel 4 News unter enormem Zeitdruck gearbeitet habe, um eine Story von nationaler Bedeutung zu produzieren. Die Ofcom erkannte auch an, dass ITN und die Nachrichtenredaktion von Channel 4 News sich sehr wohl bewusst waren, dass es riskant war, mit einer Information auf Sendung zu gehen, die nur auf einer einzigen Quelle beruhte und für die es keine Bestätigung gab. ITN räumte ein, dass man sich normalerweise nicht nur auf eine einzige Quelle verlasse, aber bei dem Informanten habe es sich um eine Person gehandelt, die „absolut zuverlässig und in der Vergangenheit immer glaubwürdig gewesen sei”.

Die Ofcom stellte jedoch fest, dass Channel 4 News sich nicht an seine eigenen senderinternen Regelungen gehalten habe, die für alle Mitarbeiter verbindlich seien, und die Geschichte nicht an den Vorstandsvorsitzenden von ITN verwiesen habe. Channel 4 versicherte gegenüber der Ofcom, dass es aus Zeitgründen „nicht möglich” gewesen sei, sich während der Sendung an den Vorstandsvorsitzenden zu wenden. Dieses Argument ließ die Ofcom jedoch nicht gelten, da die internen Regeln eine solche Rückversicherung während einer laufenden Sendung ausdrücklich vorsehen. ITN räumte ein, dass es im Rückblick nicht richtig war, mit der Information über die Identität des Attentäters ohne weitere Prüfung an die Öffentlichkeit zu gehen. Darüber hinaus hatte der falsche Name einen Teil des Programminhalts beeinflusst, da verschiedene Personen, die im Umfeld der betreffenden Person befragt worden waren, bereits den Sicherheitskräften bekannt waren.

Zunächst stellte die Ofcom fest, dass kein Verstoß des Senders gegen Bestimmung 5.2 vorliege. Diese Bestimmung legt fest: „Bedeutende Fehler in Nachrichten sollten normalerweise sofort eingeräumt und richtiggestellt werden ... Die Berichtigungen sollten angemessen terminiert werden.” Die Ofcom erkannte an, dass Channel 4 News rasch reagiert hatte, um den Fehler richtigzustellen. Allerdings habe der Sender gegen Bestimmung 5.1 verstoßen und es an der notwendigen Sorgfalt vermissen lassen. Die Ofcom „erkannte an, dass die Redaktion sich zwar bemüht habe, die Informationsquelle zu prüfen, wenn auch ohne Erfolg. Allerdings sei es grundsätzlich riskant, sich nur auf eine einzige Quelle zu verlassen, was sich in diesem Fall bestätigt habe.“ Die Ofcom erkannte an, dass gerade Nachrichtenredaktionen von Fernsehsendern unter enormem Zeitdruck stehen und dass man sorgfältig abwägen müsse, womit man wann auf Sendung gehe. Die Ofcom stellte abschließend fest, dass „der Mangel an Sorgfalt erheblich gewesen sei und so im Vordergrund gestanden habe, dass der Fehler durch die spätere Richtigstellung durch den Sender nicht vollständig aus der Welt geschafft werden konnte.”

Die Ofcom stellte fest, dass dies bereits das vierte Mal in vier Jahren gewesen sei, dass die Regulierungsbehörde Verstöße bei Channel 4 News festgestellt habe (siehe IRIS 2015-7/17, IRIS 2016-1/101 und IRIS 2015-1/16). Channel 4 News muss eine Erklärung der Ofcom veröffentlichen, zu einem Zeitpunkt und in dem Wortlaut, den die Regulierungsbehörde festlegt.

Referenzen
Ofcom Broadcast and On Demand Bulletin, Issue 336, 11 September 2017, p. 6 EN
 http://merlin.obs.coe.int/redirect.php?id=18769
 
  Ofcom Broadcast and On Demand Bulletin, Ausgabe 336, 11. September 2017, S. 6