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IRIS 2014-9:1/19

Frankreich

Netflix startet in Frankreich

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Amélie Blocman

Légipresse

Was seit mehreren Monaten bereits angekündigt worden war, ist nun offiziell. Der amerikanische Gigant im Video-Streaming-Sektor ist am 15. September in Frankreich an den Start gegangen. Der Betreiber Bouygues Telecom hatte einige Tage zuvor die Unterzeichnung eines Abkommens mit dem weltweit größten Web-Anbieter von Video-on-Demand (VoD) bestätigt, auf der Grundlage dessen seine Bbox Sensation-Kunden, aber auch die zukünftigen Kunden seiner Android Box über ihr Fernsehen unmittelbaren Zugang zum unbegrenzten VoD-Abonnementdienst von Netflix erhalten. Ohne Bouygues wäre Netflix nicht über die Internetboxen − bei den Franzosen der beliebteste Zugang zu den qualitativ hochwertigen Telekomdiensten − zugänglich.

Parallel hierzu hat das Institut ParisTech (Institut für Wissenschaften und Technologie) eine Studie unter dem Titel „Après Netflix - Sensibilité des obligations de production de la télévision à la pénétration de la SVOD“ (Nach Netflix - Sensitivität der Fernsehproduktionsverpflichtungen angesichts der Marktdurchdringung des VoD im Abonnement) veröffentlicht. Diese Studie zeigt, dass der Start von Netflix auf dem Markt für VoD im Abonnement sowohl die Wettbewerbsvorgaben als auch den Regelrahmen des audiovisuellen Sektors verändert. Nach Analyse der Auswirkungen des Starts von Netflix auf die Finanzierungsverpflichtungen im Bereich Film und Fiktion für die französischen audiovisuellen Gruppen untersucht die Studie die daraus resultierenden Folgen für die industrielle Organisation des Sektors. Das Institut kommt zum Schluss, dass die Produktionsverpflichtungen sowohl an Stichhaltigkeit als auch an Legitimität verlieren. Um seine Rechte zu stärken (auch via Netflix), wird empfohlen, das Fernsehen solle verstärkt Inhaber der von ihm finanzierten Programme werden. Damit könne es in die Effizienz des Exports investieren und die Risiken, die durch Konzentration und Nutzung von Katalogen entstehen, auf mehrere Schultern verteilen.

Netflix hat ferner Vereinbarungen mit den größten französischen Filmverwertungsgesellschaften geschlossen. So zielt eine Vereinbarung mit der französischen Verwertungsgesellschaft Société des auteurs, compositeurs et éditeurs de musique (SACEM), die noch vor dem Start von Netflix in Frankreich geschlossen wurde, auf die Vergütung der SACEM-Mitglieder, deren audiovisuelle Werke durch Netflix ausgestrahlt werden. Damit wird gewährleistet, dass die Nutzung der Werke aus den Bereichen Musik, Sketch, Synchronisation/Untertitelung der Autoren, Komponisten, Regisseure und Herausgeber, die durch die SACEM vertreten werden, vor dem Start des Dienstes in Frankreich rechtlich abgesichert ist und dass sämtliche betroffenen Rechteinhaber die ihnen zustehende Vergütung erhalten. Auch die Société Civile des Auteurs Multimedia (Gesellschaft der Multimedia-Autoren - SCAM) hat ein Abkommen mit Netflix geschlossen. Dieses gilt für das französische oder ausländische Repertoire an Dokumentarwerken, die von der SCAM in Frankreich, Belgien und Luxemburg vertreten werden.

Weitere Verhandlungen laufen derzeit zwischen Berufsorganisationen aus dem Filmsektor und dem Centre national de la cinématographie et de l’image animée (Nationales Filminstitut - CNC) mit Blick auf eine Änderung der Medienchronologie, die nicht zuletzt auch im Bericht von Pierre Lescure zur Mission „Kultur Akt II“ von Mai 2013 gefordert worden war. Während in Letzterem empfohlen wird, die Frist zur Freigabe von Filmen auf VoD im Abonnement von 36 auf 18 Monate nach Erstaufführung im Filmtheater zu reduzieren, spricht sich der CNC für eine Verkürzung auf 24 Monate aus. Diese Verkürzung soll zudem ausschließlich für  korrekt arbeitende Dienste, somit für diejenigen gelten, die sich an eine Reihe von Kriterien (darunter die Finanzierungsvorgaben für das europäische und französische Filmschaffen) halten. Dies ist als eindeutige Warnung an Netflix zu verstehen, sich an die französischen Regelvorgaben zu halten, will der Anbieter bei einer eventuellen zukünftigen Ausweitung seines Angebots in den Genuss dieser Ausstrahlungsfenster kommen. Auch wenn das Angebot der amerikanischen Gesellschaft im Wesentlichen Erfolgsserien umfasst, hat die Plattform angekündigt, vermehrt französische Serien produzieren zu wollen, angefangen mit der Serie „Marseille“, deren Dreharbeiten demnächst beginnen sollen. „Das Aufkommen ausländischer Akteure sollte als Entwicklungschance für unsere Produktionsgesellschaften gesehen werden“, erklärte die französische Kulturministerin Fleur Pellerin.

Referenzen
« Après Netflix - Sensibilité des obligations de production de la télévision à la pénétration de la SVOD », Paris Tech, septembre 2014 FR
 http://merlin.obs.coe.int/redirect.php?id=17252
 
  „Nach Netflix - Sensitivität der Fernsehproduktionsverpflichtungen angesichts der Marktdurchdringung des VoD im Abonnement“, Paris Tech, September 2014