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IRIS 2012-6:1/10

Österreich

2012 geht Österreich in die entscheidende Phase der Kinodigitalisierung

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Werner Müller

Film - and Music Austria (FAMA)

Schon bisher schien Österreich mit zu ca. 70 % digitalisierter Säle ein Musterland im digitalen Roll-out zu sein, offensichtlich angetrieben einerseits vom 3D-Boom, andererseits von der marktbeherrschenden Stellung eines Integrators (Anbieter digitaler Kinodienstleistungen unter Einschluss von VPF-Verträgen, z. B. XDC, Arts Alliance u. a.) am österreichischen Markt. Parallel zu den in IRIS 2012-1/8 berichteten Bemühungen des Ministeriums zur Förderung der Digitalisierung von Programm- und Regionalkinos haben seit dem Frühjahr 2011 die Verleiher im Fachverband der Film- und Musikindustrie über Modalitäten einer Beteiligung der Verleihseite an der Digitalisierung der Kinos verhandelt.

Die Ausgangssituation war klar: Rund 70 % des österreichischen Marktes waren über ein Integratorenmodell digitalisiert, wobei am österreichischen Markt nur ein großer Integrator tätig ist. Dieses Modell ist für Multiplexkinos bzw. Kinos mit einer hohen Filmstartfrequenz durchaus von Interesse, ist aber nur zu einem geringen Maß für Programm- oder Regionalkinos geeignet. Diese sind daher gezwungen, die hohen Investitionskosten von rund 70.000,00 EUR (ohne Zusatzkosten wie Finanzierung, Kühlung, Raumadaption, Wartung, usw.) selbst zu bewältigen, was ihnen auf Grund der schwierigen Lage des Kinomarktes kaum möglich ist.

Wie auch in anderen Ländern, wurde daher eine Beteiligung der Verleihwirtschaft über eine sogenannte Virtual Print Fee (VPF = ein Refinanzierungsmechanismus zur Finanzierung des digitalen Umstiegs; vereinfachend erklärt ersetzt der Verleih die eingesparten Kosten der Analogkopie durch eine Zahlung zu Gunsten der Kinos, um den digitalen Umstieg zu unterstützen) diskutiert. Der durchaus eigenständige österreichischen Ansatz der Verleihwirtschaft sieht nun Folgendes vor:

Das österreichische VPF-Modell eröffnet die Möglichkeit, die Investitionskosten für jedes Kino und jeden Saal, abzüglich des Eigenanteils und des Förderanteils, über ein Rabattmodell der Verleihwirtschaft ganz oder teilweise zu refinanzieren. Letztlich sind auch die Verleihunternehmen daran interessiert, dass der digitale Roll-out möglichst rasch und reibungslos umgesetzt wird, der logistisch aufwendige Hybridbetrieb zwischen digitaler und analoger Kopienlogistik entfällt und vor allem für die österreichische Filmproduktions- und Verleihwirtschaft die Abspielfläche der Programm- und Regionalkinos gewahrt bleibt.

Im Gegensatz zur deutschen Lösung wird beim österreichischen VPF-Modell weder nach der Art des Kinos (Programm-, Regional- oder Multiplexkino) noch nach der Anzahl der Säle differenziert. Stattdessen kann jedes Kino mit jenen Sälen, die nicht in ein Integratorenmodell eingebunden sind, am Modell teilnehmen. Das Kino muss nur entweder bereits digitalisiert sein oder verbindlich bis spätestens 31. Dezember 2012 seine Investition in die Digitalisierung nachweisen (z. B. durch eine Bestellung digitaler Hardware) und sich auch bis zu diesem Zeitpunkt für das Rabattmodell angemeldet haben. Im Gegensatz zu Förderungsmodellen berücksichtigt das Modell auch sogenannte First Mover, also Kinos, die vor dem Start des Systems (1. März 2012) in digitale Projektion investiert haben.

Weitere wesentliche Rahmenbedingungen des freiwilligen VPF-Modells der österreichischen Verleih- und Kinowirtschaft sind:

- Anerkannt werden die tatsächlichen Investitionskosten für die digitale Hardware plus Finanzierungskosten, allerdings bis zu einem Maximalbeitrag von 80.000 EUR (maximal 70.000 EUR Gerätekosten, maximal 10.000 EUR Finanzierungskosten). Von diesem Betrag sind zur Feststellung der tatsächlich für die Refinanzierungsdauer relevanten Zahlen der Eigenanteil sowie die Förderungen abzuziehen.

- Die Verpflichtung zur Zahlung einer VPF endet jeweils bei Erreichen des Refinanzierungsanteils, spätestens jedoch nach sieben Jahren.

- Der Eigenanteil der Kinos beträgt 25 % des bei der Anerkennung der tatsächlichen Kosten zum Tragen kommenden Refinanzierungsanteils. 50 % der öffentlichen Förderung können zur Abdeckung maximal des halben Eigenanteils verwendet werden.

- Es besteht keine Beschränkung der beteiligten Kinos nach Anzahl der Säle.

- Die Höhe der VPF beträgt 500 EUR zuzüglich 50 EUR Administrationskosten.

- Für besucherschwache Filme beträgt der VPF 1 EUR pro Besucher bis zum Erreichen der Maximal-VPF. So soll das VPG-Modell auch für kleinere Verleiher bei geringen Kopiezahlen und geringen Besuchererwartungen attraktiv sein.

- In den ersten beiden Wochen der Filmvorführung werden jeweils 100 % der VPF fällig, danach findet eine Degression statt. Ab der 8. Woche ist der Film VPF-frei.

Das Modell basiert auf Freiwilligkeit, Die Kinos werden wegen der notwendigen Meldepflichten verbindlich (und kostenfrei) ins System eingebucht, die einzelnen Verleihunternehmen entscheiden jedoch individuell, ob sie am System teilnehmen.

Sollte die überwiegende Zahl der Verleihunternehmen die Kontrolle und Administration durch einen nicht gewinnorientierten Drittanbieter sowie die durch das Modell anvisierte Gleichbehandlung als ausreichende Vorteile erkennen, können sie durch Zahlung der VPF de facto am Modell teilnehmen. So könnte 2012 die nahezu 100 %-ige Volldigitalisierung des österreichischen Marktes eintreten. Letztlich rückte damit das von der Politik und der Film- und Kinowirtschaft angestrebte Ziel nahe: Verlustfreie, digitale Qualität auf der Leinwand, breit verfügbarer digitaler Inhalt sowohl für den Multiplex-Markt als auch für die Programm-, Repertoire- und die Regionalkinos und Vorteile in der Logistik beim digitalen Roll-out über Festplatte oder über Satellit.

Referenzen
Freiwilliges VPF-Modell der österreichischen Verleih- und Kinowirtschaft DE
 http://merlin.obs.coe.int/redirect.php?id=15856