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IRIS 2012-3:1/20

Frankreich

Autorin eines Dokumentarfilms verurteilt

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Amélie Blocman

Légipresse

Am 26. Januar 2012 hat das Tribunal de grande instance (Landgericht) von Lille in einem von den Medien mit großem Interesse verfolgten Rechtsstreit sein Urteil gesprochen. In der Sache ging es um den Dokumentarfilm „Le Mur“ (Die Mauer), der sich kritisch mit der Behandlung von Autismus durch die Psychoanalyse auseinandersetzt. Drei Psychoanalytiker hatten ihre Zustimmung zur Verwendung ihres Bildes und ihrer Stimme gegeben und sich bereit erklärt, sich im Rahmen eines dreiteiligen Dokumentarfilms filmen zu lassen und Interviews zu geben. Die drei Psychoanalytiker gaben an, ihre Interviews seien geschnitten und ihre Aussagen dadurch verfälscht worden. Das Endprodukt war ein 52-minütiger, parteiischer Film mit dem Titel „Le Mur“ und dem Untertitel „La psychanalyse à l’épreuve de l’autisme“ (Autismus: die Psychoanalyse auf dem Prüfstand). Der Film konnte u. a. auf der Website einer Vereinigung von Eltern autistischer Kinder abgerufen werden. Die Kläger verklagten die Regisseurin sowie ihren Produzenten wegen Verletzung ihres Urheberpersönlichkeitsrechts als Mitautoren, wegen Verletzung ihres Rechts am eigenen Bild und wegen Rufschädigung. Sie forderten Schadensersatz in den drei Klagepunkten, ein Verbot der Verwertung und Ausstrahlung des strittigen Films sowie die Veröffentlichung des Urteils.

Das Gericht verwies in einem ersten Schritt darauf, dass die Kläger, um als Mitautoren zu gelten und in diesem Zusammenhang eine Entschädigung wegen Verletzung ihres Urheberpersönlichkeitsrechts in Anspruch nehmen zu können, den Beweis erbringen müssten, dass sie einen spezifischen geistigen und schöpferischen Beitrag zum Filmkonzept bzw. im Rahmen der Dreharbeiten zum Film erbracht haben. In ihrer Eigenschaft als Regisseurin und in Anwendung von Artikel L. 113-7 des Code de la propriété intellectuelle (Gesetz über das geistige Eigentum - CPI) sei jedoch die Regisseurin Autorin des strittigen Dokumentarfilms. Zudem hätten die Kläger eingeräumt, dass es keine gemeinsame Vorbereitung der strittigen Gespräche mit der Regisseurin und ihnen gegeben habe. Die Interviewfragen seien ihnen nicht vorab vorgelegt worden und sie hätten diese spontan beantwortet. Die Kläger, so das Gericht, hätten im Übrigen keinerlei Einflussmöglichkeiten auf die geistige Konzeption des Werks, den Filmschnitt oder auf die Auswahl der verwendeten Ausschnitte gehabt, sodass sie auch kein Rückrufrecht wegen gewandelter Überzeugung für sich geltend machen könnten, da dies impliziert hätte, dass ihnen die endgültige Fassung des Dokumentarfilms vor der Erstausstrahlung hätte vorgelegt werden müssen. Das Gericht zog daraus die Schlussfolgerung, dass die Kläger nicht als Mitautoren des Films gewertet werden könnten und wies die Klage wegen Verletzung ihres Urheberpersönlichkeitsrechts ab.

In Bezug auf den Klagepunkt der Rufschädigung erklärte das Gericht, das Recht der Regisseurin als Autorin, durch Eigenkomposition und einen persönlichen Stil ein Originalwerk zu schaffen, werde durch die Verpflichtung begrenzt, keine Verfälschung der Aussagen der Interviewpartner zuzulassen. Das Gericht prüfte durch einen Vergleich des Films mit den Rohaufnahmen, ob sich die Autorin an diese Verpflichtung gehalten hatte und stellte fest, dass sie den Sinn der Aussagen der Psychoanalytiker in den Interviews nicht richtig wiedergegeben hatte. Das Gericht befand vielmehr, dass die Regisseurin die Aussagen bewusst verfälscht hatte, indem sie den unzutreffenden Eindruck aufkommen ließ, dass die Kläger rigide Standpunkte über die negative Rolle der Eltern bei den Ursachen von Autismus verträten und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse ablehnten. Das Gericht wertete dies insoweit als Rufschädigung, als die Kläger in Wirklichkeit sehr viel nuancierte Standpunkte zu den im Interview behandelten Themen vertreten hatten. Das Gericht verwies zudem darauf, dass das im Film behandelte Thema von öffentlichem Interesse sei und damit unter das Recht der Öffentlichkeit auf Information falle. In diesem Rahmen sei eine verkürzte und damit verfälschte Wiedergabe der Aussagen der Kläger unzulässig. Das Gericht sprach den Klägern Entschädigungen in Höhe von EUR 7000 und EUR 5000 zu und ordnete zudem die Herausnahme sämtlicher Interviewausschnitte aus dem Film sowie eine vom Gericht angeordnete Veröffentlichung in drei Periodika an. Die Regisseurin kündigte daraufhin an, in Berufung zu gehen.

 

Referenzen
TGI de Lille (ch. 01), 26 janvier 2012 - E. Solano-Suarez, E. Laurent et A. Stevens c. SARL Océan Invisible Production, S. Robert et Association autistes sans frontières FR
 http://merlin.obs.coe.int/redirect.php?id=15697
 
  TGI Lille (Kammer 01), 26. Januar 2012 - E. Solano-Suarez, E. Laurent und A. Stevens gegen SARL Océan Invisible Production, S. Robert und Verband „Association autistes sans frontières“