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IRIS 2010-6:1/9

Belgien

VRT-Berichterstattung über den 65. Jahrestag der Befreiung von Ausschwitz nicht diskriminierend

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Hannes Cannie

Abteilung für Kommunikationswissenschaften/Zentrum für Publizistik, Universität Gent

Die Kamer voor Onpartijdigheid en Bescherming van Minderjarigen (Kammer für Unparteilichkeit und den Schutz Minderjähriger) des Vlaamse Regulator voor de Media (Flämische Medienregulierungsbehörde) hat am 29. März 2010 über eine Beschwerde verhandelt, bei der es um eine Videotextmeldung der öffentlich-rechtlichen Senderanstalt VRT zum 65. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers von Ausschwitz-Birkenau ging. In der Meldung hieß es unter anderem: „In Auschwitz zijn zeker 1,1 miljoen mensen omgekomen“ (frei übersetzt: „In Auschwitz sind mindestens 1,1 Millionen Menschen umgekommen“). Nach Auffassung des Klägers habe die VRT bewusst nicht darauf hingewiesen, dass die meisten der Opfer Juden waren. Zudem erwecke die Verwendung des Worts „omgekomen“ (umgekommen) den Eindruck, als handelte es sich um eine Art Unfall, wohingegen die Opfer in Wirklichkeit umgebracht („omgebracht“) worden seien. Der Kläger war aus diesem Grund der Auffassung, dass der Sender falsche und bewusst unvollständige Informationen verbreitet hatte und es auf dieser Videotextseite an Unparteilichkeit hatte fehlen lassen. Somit hätte die VRT, so der Kläger, gegen Art. 39 der flämischen Medienverordnung verstoßen, wonach in allen Programmen jede Form der Diskriminierung zu unterlassen ist und Nachrichten in einem Geist der politischen und ideologischen Unparteilichkeit auszustrahlen sind (in der Verordnung ist explizit angegeben, dass dieser Artikel auch für Videotext gilt). Die VRT argumentierte, dass die meisten Videotextmeldungen zunächst in voller Länge auf ihrer Website (www.deredactie.be) veröffentlicht und später entsprechend den Anforderungen des Mediums Videotext gekürzt werden. Die Natur dieses Mediums mache es erforderlich, einige Aspekte des behandelten Themas sehr knapp zu formulieren. Darüber hinaus machte die VRT geltend, dass das Wort „omgekomen“ umgehend durch „omgebracht“ ersetzt worden sei, nachdem bei der Redaktion eine entsprechende E-Mail des Klägers eingegangen war. Des Weiteren erklärte der Sender, dass er mit Absicht nicht zwischen den verschiedenen Gruppen von Naziopfern unterschieden habe. Die Regulierungsbehörde war der Auffassung, dass der anfangs verwendete Begriff „omgekomen“ als Folge der Umwandlung einer Internetmeldung in eine Videotextmeldung anzusehen ist. Sie stellte fest, dass in der entsprechenden Meldung im Internet auf die Tatsache hingewiesen wurde, dass die Häftlinge in Gaskammern umgebracht und Krematorien eingeäschert worden sind. Die Regulierungsbehörde hat darüber hinaus entschieden, dass die Nichterwähnung der Tatsache, dass die meisten Opfer Juden waren - ein Aspekt, auf den umfassend auf der Website eingegangen wurde -, auf die notwendige Kürzung der Meldung für den Videotext zurückgeführt werden könne. Die Regulierungsbehörde kam somit zu dem Schluss, dass die VRT nicht gegen ihre Verpflichtung zu Unparteilichkeit und Nichtdiskriminierung nach Art. 39 der Medienverordnung verstoßen habe.

Referenzen
ZAAK RUDI ROTH t. NV VLAAMSE RADIO- EN TELEVISIEOMROEP (dossier nr. 2010/0506) BESLISSING nr. 2010/022 29 maart 2010 NL
 http://merlin.obs.coe.int/redirect.php?id=12440
 
  Rudi Roth v. NV VRT, 29. März 2010 (Nr. 2010/022)