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IRIS 2010-5:1/9

Belgien

Flämische Gemeinschaft: Öffentlich-rechtlicher Fernsehveranstalter, schockierende Bilder und Produktplatzierung

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Hannes Cannie

Abteilung für Kommunikationswissenschaften/Zentrum für Publizistik, Universität Gent

In zwei neueren Entscheidungen verurteilten beide Kammern des Vlaamse Regulator voor de Media (Flämischer Medienregulierer für die Überwachung und Durchsetzung der Medienregulierung) die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt VRT wegen Verletzung der flämischen Medienregulierungsvorschriften.

Am 19. Januar 2010 hat die Kamer voor Onpartijdigheid en Bescherming van Minderjarigen (Kammer für Unparteilichkeit und Schutz Minderjähriger) ein Urteil gegen die Übertragung eines Trailers um 20 Uhr herum, kurz vor Beginn der Familienserie „Dieren in Nesten“ (frei übersetzt „Tiere in Not“) verkündet. Diese Serie verfolgt die abenteuerlichen Praktiken einiger Tierärzte, und nach Aussage des Klägers sind seine beiden Kinder, fünf und sieben Jahre alt, treue Zuschauer dieser Sendung. Der fragliche Trailer zeigte Bilder von einem Mord durch einen Schuss in die Stirn und von einem transparenten, geöffneten Leichensack, in dem deutlich das verletzte Gesicht des Toten zu sehen war. Art. 42 des Flämischen Medienerlasses verbietet linearen Fernsehveranstaltern die Ausstrahlung von Programmen, die die körperliche, geistige oder moralische Entwicklung Minderjähriger gefährden könnten, insbesondere von Programmen, die pornografische Szenen oder unnötige Gewalt enthalten (erster Gedankenstrich). Diese Bestimmung gilt auch für Programmankündigungen (vierter Gedankenstrich). Der Fernsehveranstalter kann die Verletzung dieser Bestimmung nur verhindern, indem er durch die Wahl der Sendezeit oder durch technische Maßnahmen sicherstellt, dass Minderjährige im Sendegebiet normalerweise solche Sendungen nicht hören oder sehen (zweiter Gedankenstrich). Die Kammer entschied, dass die Darstellung entsetzlicher oder schockierender Bilder einen negativen Einfluss auf die körperliche, geistige oder sittliche Entwicklung von Minderjährigen haben kann, und dass VRT sich der Tatsache bewusst sein musste, dass angesichts der Sendezeit kurz vor einer Familienserie nicht garantiert war, dass Kinder und Jugendliche diesen Trailer normalerweise nicht sehen würden. Daher wurde eine Verletzung von Art. 42 des Erlasses festgestellt, am Ende aber entschieden, dass kein Grund für eine Strafe bestand, da die Übertragung aufgrund eines Kommunikationsfehlers erfolgte und sich der Fernsehveranstalter beim Kläger entschuldigt hat und durch geeignete Maßnahmen weiterhin dafür Sorge trägt, dass Spots mit Bildern, die schädlich für Minderjährige sein könnten, in Zukunft nicht vor, während oder direkt nach einer Familiensendung gezeigt werden.

Am 15. März 2010 fand der Regulierer erneut einen Verstoß des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders VRT, diesmal gegen die Regelung zur Produktplatzierung. In einer Informationssendung am Sonntagmorgen „De Zevende Dag“ (frei übersetzt: „Der siebte Tag“) erschien in einem zweieinhalbminütigen Bericht die Präsentation der neuen Sportkollektion der bekannten Wäschemarke Marie-Jo. Das Produkt selbst wurde genannt und mehrfach gezeigt, und während des gesamten Beitrags wurden verschiedene Teile der Kollektion deutlich ins Bild gesetzt. Die bekannte belgische Tennisspielerin Yanina Wickmayer, die das „Gesicht“ der neuen Kollektion ist, nutzte das Interview, um ihre Begeisterung für Marie-Jo kundzutun. Die Algemene Kamer (Allgemeine Kammer) urteilte, dass die Kombination der visuellen Elemente mit den Tonbeiträgen einen deutlichen Werbewert hatten, der Marie-Jo zugute kam. Sie erklärte, dass die Zusammenarbeit von Marie-Jo mit dem Programm eine Form von Produktionshilfenplatzierung sei, eine erlaubte Art der Produktplatzierung (Art. 99 Ziff. 2 des Medienerlasses), da Marie-Jo VRT einen Drehort, an dem gefilmt werden konnte, sowie diverse Produkte zur Verfügung stellte. Nach dem ersten Absatz von Art. 100 des neuen flämischen Medienerlasses dürfen Programme, die Produktplatzierungen enthalten, die Zuschauer nicht durch konkrete Empfehlungen ermuntern, bestimmte Produkte oder Dienstleistungen zu kaufen oder zu mieten bzw. pachten (Ziff. 2). Außerdem darf das Produkt oder die Dienstleistung nicht von einer unzulässigen Hervorhebung profitieren (Ziff. 3). Die Kammer urteilte, die Marke Marie-Jo habe von einer unzulässigen Hervorhebung profitiert, da die mehrfache Darstellung der fraglichen Produkte und das Interview mit Yanina Wickmayer, in dem sie eine reine Werbeargumentation für Marie-Jo entwickelt, den Zuschauer direkt zum Kauf der Produkte ermuntert habe. Daher verhängte der Regulierer eine Strafe in Höhe von EUR 5.000.

Referenzen
ZAAK KURT LAMBRECHTS t. NV VLAAMSE RADIO- EN TELEVISIEOMROEP (dossier nr. 2009/0497) BESLISSING nr. 2010/006, 19 januari 2010 NL
 http://merlin.obs.coe.int/redirect.php?id=12374
 
  Kurt Lambrechts gegen NV VRT, 19. Januar 2010 (Nr. 2010/006)      
ZAAK VAN VRM t. NV VLAAMSE RADIO- EN TELEVISIEOMROEP (dossier nr. 2010/0502) BESLISSING nr. 2010/015, 15 maart 2010 NL
 http://merlin.obs.coe.int/redirect.php?id=12375
 
  VRM gegen NV VRT, 15. März 2010 (Nr. 2010/015)