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IRIS 2010-1:1/4

Europäische Kommission

Konsultation zu digitalen Kinos

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Kim de Beer

Institut für Informationsrecht (IViR), Universität Amsterdam

Am 16. Oktober 2009 leitete die Europäische Kommission eine öffentliche Konsultation aller Akteure der audiovisuellen Industrie in der Europäischen Union zu den Chancen und Herausforderungen des europäischen Kinos im digitalen Zeitalter ein. Die Stellungnahmen der Fachkreise des Sektors werden dazu beitragen, die Strategie der Kommission für das digitale Kino darzulegen.

In den letzten Jahren greifen Filmproduzenten immer häufiger auf Digitaltechnik zurück. Zunächst wurde der Ton digitalisiert, dann die Nachbearbeitung, und nun verwendet auch die Produktion in zunehmendem Maße Digitaltechnik. Digitaltechnik bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten sowohl bei der Produktion als auch beim Verleih. In der Produktionsphase ermöglicht Digitaltechnik zum Beispiel Spezialeffekte und 3D-Filme. Durch die Digitalisierung wird die Verleihphase sowohl einfacher als auch billiger. Digitaler Verleih kann gegenüber dem Verleih traditioneller Kopien bis zu zehnmal billiger sein. Dadurch wird Programmgestaltung flexibler und vielfältiger, mehr europäische Filme können in anderen Ländern gezeigt werden.

Die digitale Revolution schreitet in Europa jedoch langsamer als vorausgesagt voran. Die Kosten für digitale Vorführtechnik sind hoch. Der Übergang zu digitalem Kino wirft zwei wesentliche Fragen auf. Erstens müssen die Investitionen in Digitalausrüstung von den Vorführern getragen werden, während die Einsparungen den Verleihern zugutekommen. Die Vorführer haben keinen unmittelbaren Nutzen von ihren Investitionen. Zweitens sind die Investitionen in Digitalausrüstung für große Kinoketten finanziell tragbar, für kleinere unabhängige Kinos (Programmkinos) jedoch in den meisten Fällen nicht. Diesen Kinos könnte wegen der hohen Kosten für die Digitalausstattung die Schließung drohen. Eine Schließung derartiger Kinos könnte wiederum die kulturelle Vielfalt im europäischen audiovisuellen Sektor in Gefahr bringen.

Um dem ersten Problem zu begegnen, brachte die amerikanische Filmindustrie das Modell der Virtual Print Fee (virtuelle Filmgebühr - VPF) auf. Dieses Modell gründet sich darauf, dass ein Dritter einen Teil des von den Verleihfirmen eingesparten Gelds einsammelt und dann als Beihilfen für die digitale Ausrüstung teilnehmender Kinos verwendet. Durch die Konsultation ließe sich feststellen, ob ein vergleichbares Modell in Europa effizient eingesetzt werden könnte.

Die Mitgliedstaaten teilen Bedenken, dass sich nicht alle Kinos eine Digitalumstellung leisten können. Es muss ein breites Spektrum an Vorführern geben, damit die Vielfalt des europäischen Kinos gewährleistet bleibt. Mehrere nationale Regierungen erwägen daher derzeit die Gewährung von Hilfen für die Umstellung auf digitales Kino. So hat zum Beispiel Italien bereits eine staatliche Beihilfe angemeldet, zu der am 22. Juli 2009 eine öffentliche Konsultation eingeleitet wurde (siehe IRIS 2009-9:6). Öffentliche Unterstützung durch Mitgliedstaaten muss im Kontext der Vorschriften für staatliche Beihilfen der Europäischen Union bewertet werden. Folglich muss sie mit Art. 87 des EG-Vertrags vereinbar sein.

Der Zweck der öffentlichen Konsultation besteht darin, Informationen über Digitalkino und die oben genannten Chancen und Herausforderungen, die damit verbunden sind, von Betroffenen einzuholen. Der Konsultationsprozess steht allen Betroffenen wie Vorführern, Verleihern und Produzenten offen. Die gewonnenen Informationen aus der Konsultation werden die Kommission in die Lage versetzen, 2010 eine Mitteilung über „Chancen und Herausforderungen für das europäische Kino im Digitalzeitalter“ fertigzustellen. Die öffentliche Konsultation dauert bis zum 16. Dezember 2009.

Referenzen
Europäische Kommission erbittet Stellungnahmen zu Chancen und Herausforderungen des digitalen Kinos, Brüssel, 16. Oktober 2009, IP/09/1534 DE
 http://merlin.obs.coe.int/redirect.php?id=12161
 
Öffentliche Konsultation zu Chancen und Herausforderungen für das europäische Kino im Digitalzeitalter